Gewahrsam - Räume der Überwachung
Eine Publikation anlässlich der Ausstellung „Gewahrsam. Räume der Überwachung“ des Deutschen Architekturmuseums (DAM) im ehemaligen Polizeigewahrsam in der Klapperfeldstraße in Frankfurt/Main
Dieser Ausstellungskatalog ist besonders durch die Thematisierung der Architektur von Gefängnissen und Zwangsanstalten interessant, wie sie seinerzeit unter anderem mit Winfried Reebs Buch „Die Suche nach dem richtigen Vernichtungsbau - Geschichte der Knastarchitektur“ (Trotzdem-Verlag 1981/1996 auf Grundlage einer Artikelfolge im Schwarzen Faden) begonnen und damit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde. Der Katalog kann als überfällige Wiederaufnahme des Themas gelten und ist an Inhalt und Qualität sehr zu empfehlen, wobei eine explizit linke, politische Betrachtung des Themas Unterdrückungsarchitektur sicher von noch zu veröffentlichenden Publikationen zu leisten sein wird.
Beginnend bei einer näheren Betrachtung des alten Frankfurter Polizeigewahrsams in der Klapperfeldstraße und dem neuen im Polizeipräsidium Adickesallee beschäftigen sich Arne Winkelmann und Yorck Förster anschließend mit der „Typologie der Überwachung“. Verschiedene Zucht- und Arbeitshäuser werden vorgestellt, es folgen mehrere Prototypen und geometrische Idealentwürfe, angefangen bei den Entwürfen italienischer Architekten des 17. Jahrhunderts über Benthams Panopticon, die D-Form, das Auburn- und das Pennsylvania-System und die bis zu 27 Stockwerke hohen Gefängniskathedralen in den Vereinigten Staaten der Gegenwart.
An den Beispielen der deutschen Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim und des ex-territorialen US-Internierungslagers Guantanamo Bay auf Kuba werden Hafttechniken erläutert und die Anfänge von Kommunikationsverboten und Reizentzug bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zurückverfolgt. Spätestens nach der Beschäftigung mit den Themen sensorische Deprivation, Isolations- und Dunkelhaft lässt sich der quälende, folternde Charakter solcher Art von Haft („Weiße Folter“) nicht mehr bestreiten.
Dietmar Kammerer erklärt in seinem lesenswerten Beitrag „Vom Rundturm zur Rolltreppe. Wie das überwachende Auge den Raum, den es sieht, verändert“ die Funktion einer „face-trap“ in Zusammenhang mit Kamera-Überwachung im öffentlichen Raum, Bernd Belinda erläutert „Raumstrategie“ und Nils Zurawskis Beitrag „Vom öffentlichen Raum zu dessen Phantasie - cognitive mapping und die Überwachung öffentlicher Räume“ beschließt den Band.
Wer sich jedoch einen gewissen Lesespaß erhofft, der sei hier gewarnt: Das Thema Gefängnisarchitektur ist dem nicht eben zuträglich...
Wir sind nicht alle - es fehlen die Gefangenen!
Arne Winkelmann und Yorck Förster (Hrsg.) -
Gewahrsam - Räume der Überwachung
Kehrer Verlag Heidelberg,
ISBN 978-3-939583-22-6, 118 Seiten,
reichlich illustriert, Softcover, ca. 17,- Euro

