Endphase im Kampf um Mumia Abu-Jamal
Spätestens mit seiner Anhörung vor dem 3. Bundesberufungsgericht am 17. Mai 2007 in Philadelphia ist der Kampf des bekanntesten Todeshäftlings der USA und vielleicht der gesamten Welt, des afroamerikanischen Journalisten Mumia Abu-Jamal, in seine letzte Phase eingetreten. Damit kommt nach einem Vierteljahrhundert ein Verfahren zum Abschluss, an dem sich nicht nur die gesamte Komplexität des US-amerikanischen Todesstrafen-„Rechts“ zeigt, sondern auch alles, was dieses Recht – das Recht des Staates, seine eigenen Bürger zu töten – so verurteilens- und bekämpfenswert macht. Ein Blick zurück in die Geschichte dieses Verfahrens wird helfen zu verstehen, was hier auf dem Spiel steht und was gerade den Fall Mumia Abu-Jamals so wichtig macht.
Verhaftung und Mordanklage im Dezember 1981
Am 9. Dezember 1981 gegen vier Uhr morgens geriet Mumia Abu-Jamals Bruder Billy Cook, der zusammen mit seinem Geschäftspartner und langjährigen Freund Kenneth Freeman im Center-City-Bezirk Philadelphias einen bis in die Nacht hinein geöffneten Straßenverkaufsstand betrieb, in eine Verkehrskontrolle. Der Grund für die Kontrolle ist bis heute nicht bekannt; möglicherweise handelte es sich um ein simples Beispiel von „Driving While Black“ (DWB), ein ironischer, an DUI („driving under the influence“, d. h., Alkohol) angelehnter Begriff, der die Tatsache bezeichnet, dass schwarze Autofahrer in den USA doppelt bis dreimal so häufig kontrolliert werden wie weiße Verkehrsteilnehmer.
Ebenfalls in Center City unterwegs war Abu-Jamal selbst, der zwar hauptberuflich Radiojournalist war, aber als kärglich bezahlter freier Mitarbeiter alternativer Sender auf Zusatzeinkünfte durch nächtliche Taxifahrten angewiesen war. Center City, damals als Rotlichtbezirk ein für Taxifahrer und Straßenhändler attraktives Gebiet, ist relativ klein und überschaubar, und so war es weder ein besonders großer Zufall noch Ergebnis eines Komplotts, dass Abu-Jamal unbeabsichtigt Zeuge wurde, wie die Verkehrskontrolle seines Bruders zu etwas mutierte, was in den USA leider ebenfalls nicht selten ist, nämlich die Misshandlung des (schwarzen) Autofahrers durch den (weißen) Polizisten: In einer Querstraße zum Schauplatz des Geschehens geparkt, beobachtete Abu-Jamal, wie der Polizist Daniel Faulkner, der allein in seinem Streifenwagen unterwegs war, Billy Cook mit einer schweren Polizei-Stabtaschenlampe blutig schlug.
Der letzte Punkt im Ablauf des Geschehens, der bisher zwischen Anklage und Verteidigung unstrittig ist, ist, dass Abu-Jamal dann über den an der Ecke zwischen beiden Straßen gelegenen Parkplatz auf die Szenerie zulief, um seinem Bruder zu Hilfe zu kommen. Keine halbe Minute später waren fünf Schüsse gefallen, Abu-Jamal saß mit einer schweren Schussverletzung in der Brust zusammengekrümmt am Straßenrand und Daniel Faulkner lag sterbend auf dem Bürgersteig, getroffen von einem Schuss ins Gesicht.
Mumia Abu-Jamal wurde vom Fleck weg festgenommen und wäre, wenn es nach den beiden mit seinem Transport beauftragten Polizisten Stephen Trombetta und Gary Wakshul gegangen wäre, die sich mit ihm auf den Weg ins Polizeipräsidium machten, noch in der Nacht verblutet. Statt dessen wurde er auf Anweisung des Präsidiums, das sich offenbar nicht mit einer Leiche und unangenehmen Fragen belasten wollte, ins Krankenhaus gebracht und dort nach einer über zweistündigen Operation noch am Krankenbett verhaftet und unter Mordanklage gestellt. Abu-Jamals Bruder Billy Cook wurde Ende März 1982 wegen „Widerstandes gegen die Staatsgewalt“ zu sechs bis zwölf Monaten Gefängnis verurteilt; der Mordprozess gegen Abu-Jamal selbst fand vom 17. Juni bis zum 3. Juli 1982 statt.
Die Fakten
Es ist hier nicht der Ort, detailliert zu untersuchen, was am 9. Dezember 1981 mit Sicherheit, wahrscheinlich, vielleicht, und garantiert nicht geschehen ist. Ich habe das in meinem von Jürgen Heiser, Eberhard Schultz und anderen dafür so heftig kritisierten Buch „Wettlauf gegen den Tod“ sowie in Artikeln und Interviews (siehe www.againstthecrimeofsilence.de) in der gebotenen Ausführlichkeit getan. Unumgänglich ist jedoch eine kurze Sichtung der drei entscheidenden Pfeiler des Beweismaterials der Anklage, wie es im Mordprozess gegen Abu-Jamal im Juni/Juli 1982 vorgebracht wurde. Diese drei Punkte waren:
- die – für Abu-Jamal besonders verheerenden – Berichte dreier Augenzeugen (einer Prostituierten, eines Taxifahrers ohne Führerschein und eines alkoholisierten Verkehrsteilnehmers), die aussagten, den Mord an dem Polizeibeamten beobachtet zu haben. Der Täter habe über dem wehrlosen Faulkner gestanden und diesen mit mehreren Schüssen aus nächster Nähe, von denen einer traf, regelrecht exekutiert.
- die Berichte eines Polizeibeamten und einer Wachbeamtin, die ein Geständnis Abu-Jamals gehört haben wollten, und die Behauptung der angeblich als erste am Tatort eingetroffenen Polizeibeamten, Abu-Jamal dort mit seiner Waffe neben sich auf dem Bürgersteig vorgefunden zu haben.
Manipulationen ohne Ende
Wie wir heute wissen, sind diese zentralen Prozessaussagen, aufgrund derer Abu-Jamal für schuldig befunden und zum Tod verurteilt wurde, entweder nachweislich falsch oder durch Unwahrheiten so hoffnungslos kontaminiert, dass sie als Evidenz unbrauchbar sind. Langjährige Recherchen diverser Beobachter, darunter in jüngster Zeit meine eigenen, haben gezeigt, dass die Aussagen der drei Augenzeugen – von denen zwei Abu-Jamal als Täter identifizierten – über den Ablauf der Tötung des Polizeibeamten nachweislich falsch und von Polizei und Staatsanwaltschaft angeleitet waren, dass die Aussagen der beiden Ohrenzeugen beim Prozess, sie hätten gehört, wie Abu-Jamal sich mit dem Mord an Daniel Faulkner brüstete, erlogen und Ergebnis derselben Art von Manipulation waren und dass auch der Polizeibeamte, der die Waffen Abu-Jamals und Faulkners „sicherte,“ in Abu-Jamals Verfahren in Bezug auf seinen Umgang mit diesen Waffen einen schwerwiegenden Meineid leistete und somit als Zeuge unglaubwürdig ist.
Was das angebliche Geständnis Abu-Jamals betrifft, zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass es tatsächlich nicht nur zwei, sondern insgesamt fünf „Zeugen“ – drei Polizisten, zwei Wachleute – gab, die ein solches gehört haben wollten – dass aber in den auf die Tat folgenden zwei Monaten kein einziger davon auf die Idee gekommen war, diesen Umstand polizeilich protokollieren zu lassen oder zumindest Angehörige, Freunde oder die Presse zu informieren. So gesehen war es ein weiser Schachzug der Anklage, beim Prozess den Bogen nicht zu überspannen, nur zwei dieser Zeugen zu präsentieren und sich darauf zu verlassen, dass die schockierende Brutalität des von den Augenzeugen geschilderten Mordes die Jury veranlassen würde, auch diesen beiden Zeugen trotzt der unwahrscheinlichen Zeitverzögerung ihrer Aussage Glauben zu schenken. Dessen ungeachtet glaubt heute kein auch nur halbwegs um Objektivität bemühter Beobachter mehr an die Realität dieses Geständnisses.
In Bezug auf die Aussagen der angeblichen Augenzeugen des Mordes gibt es mittlerweile auch unwiderlegbare physische Beweise dafür, dass ihre – wundersamerweise gerade im Hinblick auf die eigentliche Tötung des Polizisten übereinstimmenden – Aussagen übereinstimmend falsch und daher offensichtlich manipuliert sind. Die Abwesenheit jeglicher Spuren fehlgegangener Schüsse an der Stelle, an der Daniel Faulkner angeblich durch Schüsse auf den Bürgersteig aus nächster Nähe getötet wurde, war schon auf einem in der Tatnacht aufgenommenen Polizeifoto zu erkennen, was nachträglich beweist, welch große Bedeutung die systematische Weigerung des Gerichte hatte, der Verteidigung Abu-Jamals angemessene Mittel zur Verfügung zu stellen, denn einem qualifizierten Ballistiker wäre diese Tatsache bereits 1981/82 kaum entgangen. Nun handelt es sich hier nur um ein einziges Foto von einem relativ kleinen Areal – aber die wesentlich zahlreicheren Fotos eines zehn Minuten nach der Erschießung Faulkners am Tatort eingetroffenen Pressefotografen, den ich im Rahmen meiner Recherchen im Mai 2006 ausfindig machen konnte, räumen hier mittlerweile auch letzte Zweifel aus.
Interessanterweise zerstören diese Fotos aber auch die Glaubwürdigkeit des wichtigsten Zeugen für den dritten Pfeiler des Beweismaterials der Anklage im Prozess von 1982. Mehrere Fotos zeigen mit großer Klarheit, wie der mit der Sicherung der Waffen Abu-Jamals beauftragte Polizeibeamte James Forbes genau das tut, was er in Abu-Jamals Verfahren unter Eid abgestritten hat: Er fasst die Waffen an sämtlichen Stellen an, an denen Fingerabdrücke sein könnten, und zerstört damit alles Beweismaterial, das er doch angeblich sichern soll.
Sein Verhalten ist überdies charakteristisch für das ganze Bild, das auf den 26 Fotos von Pedro P. Polakoff zu sehen ist und von Abu-Jamals Anwalt Robert R. Bryan treffend mit den folgenden Worten kommentiert wird: „Die neu entdeckten Fotos beweisen die Tatsache, dass die Polizei das Beweismaterial am Tatort aktiv manipuliert hat. [...] Das Maß an Inkompetenz, das die Polizei an den Tag legte, ist unfassbar. [...] Fälschungen und Inkompetenz seitens der Polizei hatten tragische Folgen für meinen Mandanten.“
Das Fazit kann nur lauten, dass das gesamte Beweismaterial gegen Abu-Jamal damit praktisch hinfällig ist. Wo es aber keine Beweise gibt, kann es auch keine Anklage, geschweige denn einen Schuldspruch und eine Verurteilung geben: Das ist das elementare Prinzip der Unschuldsvermutung. Allein deshalb ist das Urteil gegen Mumia Abu-Jamal ein schreiendes Unrecht und kann und darf keinen Bestand haben, obwohl die Frage der Tatbeweise derzeit vor Gericht gar nicht zur Debatte steht, denn einer der bedrückendsten Aspekte der Entwicklung des US-Strafrechts in den letzten dreißig Jahren besteht gerade darin, dass es immer schwieriger geworden ist, gefälschte Beweise im Rahmen von Berufungsverfahren anzufechten oder das zu tun, wozu ein Angeklagter gar nicht gezwungen sein sollte, nämlich positive Unschuldsbeweise vorzulegen.
Während Analysen wie etwa die von Amnesty International unzweifelhaft belegen, dass Rassismus, Klassenjustiz und das Bestreben, einen erklärten Gegner des Status Quo unschädlich zu machen, die treibenden Kräfte waren, die zur Verurteilung Abu-Jamals führten, darf nicht übersehen werden, dass diese Faktoren bereits weit im Vorfeld des Prozesses wirksam waren und nur aufgrund eines weiteren Faktors ihre volle toxische Wirkung entfalten konnten: Nämlich der Tatsache, dass die Beweise, aufgrund derer Abu-Jamal verurteilt wurde, samt und sonders wissentlich gefälscht waren.
Ein „grotesk unfairer Prozess“
In einem Urteil von 1959 hat kein anderes Gericht als der auf Staatsebene für Abu-Jamal zuständige Pennsylvania Supreme Court festgestellt: „selbst wenn sich die Beweise für die Schuld eines Angeklagten so hoch türmen wie der Mount Everest“, habe dieser „immer noch das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren“. In der Theorie ist dies eine der Säulen des US-amerikanischen Rechtssystems. Die Praxis sieht anders aus, und die große Bedeutung des Falles von Mumia Abu-Jamal besteht nicht zuletzt darin, dass sich hier die Rechtsverstöße, die ein faires Verfahren verhinderten, in ungewöhnlich hohem Maß bündeln.
Renommierte Beobachter wie der amerikanische Strafrechtler und Journalist Stuart Taylor haben das nur 17-tägige Mordverfahren gegen Abu-Jamal im Sommer 1982 mit Ausdrücken wie „grotesk unfair“ gekennzeichnet, eine Charakterisierung, die sich sowohl auf die Voreingenommenheit von Richter Albert F. Sabo, auf das Verhalten von Staatsanwalt Joseph McGill als auch auf die mangelnde Qualifikation von Verteidiger Anthony Jackson bezieht.
Schon die Auswahl von Vorverfahrensrichter Paul Ribner und mehr noch von Verfahrensrichter Albert F. Sabo ließ erahnen, dass die Justiz Philadelphias nicht gewillt war, Abu-Jamal einen fairen Prozess zu gewähren: diese beiden Richter sind zusammen für 14 % der Todesurteile gegen die derzeitigen Insassinnen und Insassen der Todestrakte ganz Pennsylvanias verantwortlich. Eine Analyse des Verhaltens dieser beiden Richter während des Verfahrens gegen Abu-Jamal lässt die Bezeichnung „unfair“ als starke Untertreibung erscheinen.
Mindestens von ebenso gravierender Bedeutung war das Verhalten von Staatsanwalt Joseph McGill während der entscheidend wichtigen Phase der Juryauswahl: Während er von den 20 ihm zugestandenen unbegründeten Ablehnungen potentieller Geschworener (alle anderen Ablehnungen müssen begründet und vom Richter akzeptiert werden) nur 15 nutzte, tat er das insgesamt volle zehn Mal gegen insgesamt nur 14 schwarze potentielle Juroren, während er von 25 weißen Anwärtern nur fünf ablehnte! So kam am Ende eine Jury zustande, in der von 12 Geschworenen nur zwei schwarz waren, in einer Stadt, deren Bevölkerung bereits damals zu 40 % afroamerikanisch war.
Aufgrund der systematisch gefälschten Beweise, der Unterfinanzierung der Verteidigung und der Überforderung des Verteidigers sowie der parteiischen Verfahrensführung durch den Richter hatte McGill es dann im Prozess nicht mehr schwer, die Jury von der Schuld des Angeklagten und der Notwendigkeit eines Todesurteils zu überzeugen. Um womöglich verbliebene Zweifel auszuräumen, verwies er die Jury sowohl in der Schuldphase des Verfahrens als auch in der Phase der Strafzumessung (eine Zweiteilung, die es seit der Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA 1976 gibt) darauf, dass ein Freispruch bzw. eine Verurteilung zu Lebenslänglich statt zum Tod endgültig sei, während der Angeklagte im Fall eines Schuldspruchs und Todesurteils ja immer noch „eine Berufung nach der anderen“ haben werde – eine klare Aufforderung, im Zweifel nicht, wie das bekannte Rechtsprinzip es erfordert, für den Angeklagten zu entscheiden, sondern für die Staatsanwaltschaft.
Die Jury folgte dem Plädoyer des Staatsanwalts und befand Mumia Abu-Jamal am 2. Juli 1982 für schuldig. Am Tag darauf verurteilte sie den Angeklagten zum Tod.
„Eine Berufung nach der anderen“
In den Jahren darauf erwies sich die Unwahrheit der Behauptung McGills, Abu-Jamals Rechte als Angeklagter seien ja durch seine umfangreichen Berufungsmöglichkeiten garantiert. Kein Berufungsgericht beschäftigt sich – wenn überhaupt – mit derselben Sorgfalt, wie sie die Jury aufzuwenden verpflichtet ist, mit dem Beweismaterial und den konkreten Umständen eines Falls. Die Berufungsgerichte befassen sich in erster Linie mit Verfahrensfragen. Und auch im Hinblick auf letztere hören die Angeklagten mit der Verschärfung der Gesetzeslage in den letzten Jahrzehnten mit zunehmender Monotonie immer wieder fast automatisch den Spruch: „Berufung abgelehnt!“
So auch im Fall Mumia Abu-Jamal. Seine vorgeschriebene erste Berufung auf Staatsebene wurde im März 1989 vom Pennsylvania Supreme Court (PSC) abgelehnt – ein wichtiges Datum, da es nicht nur den Beginn der internationalen Solidaritätsbewegung markierte, sondern auch die Voraussetzung dafür schuf, dass das Urteil mit der Weigerung des Obersten Gerichts der USA, den Fall anzuhören (denial of writ of certiorari), 1990 rechtskräftig wurde.
Bevor Fälle nach solcher Ablehnung von der Einzelstaats- auf die Bundesebene überwechseln, hat der Angeklagte noch einmal die Möglichkeit, im Rahmen so genannter Post-Conviction-Anhörungen zu versuchen, ein neues Verfahren durchzusetzen. Solche Anhörungen fanden 1995, 1996 und 1997 auch bei Abu-Jamal statt – allerdings vor demselben Richter Albert F. Sabo, dessen Verfahrensführung 1982 einer der Gegenstände des Hearings war! Laut dem bereits erwähnten Stuart Taylor und etlichen anderen Beobachtern legte Sabo erneut „offene Voreingenommenheit“ an den Tag – und 1995 stellte er der Verteidigung bereits einige Tage nach Verhandlungsende eine 154-seitige Ablehnungsbegründung zu, die in weiten Teilen eine wörtliche Kopie der Anträge der Staatsanwaltschaft war.
Auch diesmal lehnte der PSC – im Oktober 1998 – die Berufung gegen die Beschlüsse Sabos ab. Im folgenden Jahr verweigerte der US Supreme Court erneut Gehör, und so kämpft Mumia Abu-Jamal seit Oktober 1999 auf Bundesebene um die Aufhebung seines Urteils. Am 18. Dezember 2001 hob ein Richter vom 3. Bundesbezirksgericht in Philadelphia wenigstens das Todesurteil gegen ihn auf, aber da mit Rechtskraft eines Urteils die Beweislast beim Angeklagten liegt (und die Anklage ab da immer automatisches Berufungsrecht hat), sitzt Abu-Jamal heute nach fast einem Vierteljahrhundert immer noch in der Todeszelle. Unzweifelhaft hat er „eine Berufung nach der anderen“ gehabt – aber bisher hat kein Gericht ihm die gründliche und faire Prüfung seiner Verurteilung zukommen lassen, die ihm von Rechts wegen zusteht.
Das könnte sich jetzt ändern. Am 6. Dezember 2005 gestand das dem eben erwähnten Gericht übergeordnete 3. Bundesberufungsgericht von 29 von der Verteidigung vorgebrachten Gründen immerhin drei Punkte zur Berufung zu. Ich habe sie oben bereits erwähnt: der systematische Ausschluss afroamerikanischer Geschworener durch den Staatsanwalt, die unzulässige Bezugnahme auf Berufungsverfahren durch denselben Staatsanwalt, das unfaire Verhalten von Prozessrichter Albert F. Sabo.
Zusammen mit der Berufung der Staatsanwaltschaft stehen damit insgesamt vier Punkte zur Disposition, und Verteidigung und Anklage haben dazu zwischen Dezember 2005 und der Anhörung in Philadelphia umfangreiche Anträge eingereicht. Da das 3. Bundesberufungsgericht für Fälle in Philadelphia das höchste Gericht unterhalb des US Supreme Court ist und davon auszugehen ist, dass dieser den Fall auch diesmal nicht anhören wird, wird die Entscheidung des Gerichts in Philadelphia, die jederzeit zwischen jetzt – im August – und Ende des Jahres zu erwarten ist, fast mit Sicherheit die ausschlaggebende sein. Möglich sind jetzt, wenn der Anklage recht gegeben wird, die erneute Bestätigung des Todesurteils, wenn sowohl Anklage als auch Verteidigung ihre Berufung verlieren, die lebenslängliche Einbetonierung Mumia Abu-Jamals im Hochsicherheitstrakt, wenn das Gericht befindet, dass der Verweis des Anklägers auf Abu-Jamals Berufungen rechtswidrig war, die Aufhebung von Schuldspruch und Urteil und ein neues Verfahren, wenn das Gericht für definitiv erwiesen erachtet, dass der Ausschluss schwarzer Geschworener durch den Staatsanwaltschaft rassistisch motiviert war, und dasselbe wenn das Gericht letztere Frage für klärungsbedürftig hält, die Rückverweisung an das nächst niedere Gericht zwecks neuer Beweisanhörung, wenn das Gericht der Verteidigung im Hinblick auf das Verhalten Sabos recht gibt, die Anordnung neuer Post-Conviction-Anhörungen.
Es steht also außerordentlich viel auf dem Spiel. Hier geht es nicht nur um Mumia Abu-Jamal, sondern um die Rechte zahlloser weiterer Todeshäftlinge und Langzeitgefangener in den USA und, angesichts des Supermachtstatus der USA und der Gefängnisse im Irak, Afghanistan, Guantanamo und anderswo, auf der ganzen Welt.
Was getan werden sollte, ist meines Erachtens ebenfalls klar. Sehr wahrscheinlich ist Mumia Abu-Jamal heute nur noch deshalb überhaupt am Leben und in der Lage, um seine Freiheit zu kämpfen, weil eine breite internationale Solidaritätsbewegung seine Hinrichtung verhindert hat. In einer Zeit, in der Mumias Kampf, den er keineswegs nur für sich allein führt, in seine allerletzte, entscheidende Phase getreten ist, müssen sich alle, die die Fakten des Falles kennen und für Freiheit und Gerechtigkeit eintreten wollen, ungeachtet persönlicher und politischer Differenzen zusammenschließen, um zu fordern, dass das 3. Bundesberufungsgericht den Schuldspruch und das Todesurteil gegen ihn aufhebt.
Anmerkungen zur Solidarität: In eigener Sache
Nun ist klar, dass auch angesichts einer solchen Situation von außerordentlicher Dringlichkeit persönliche und politische Differenzen nicht verschwinden. Darauf zurückgehende Auseinandersetzungen sind zu erwarten und oft auch notwendig. Dennoch ist es frustrierend zu sehen, wie einige Kräfte in der Solidaritätsbewegung für Mumia Abu-Jamal eine ihrer vornehmsten Aufgaben darin zu sehen scheinen, andere Unterstützer Abu-Jamals anzugreifen.
Eine Replik auf die letzte Rote Hilfe Zeitung
Anlass des vorliegenden Artikels ist Eberhard Schultzens in der letzten Nummer der Roten Hilfe Zeitung veröffentlichte Rezension meines Buches „Wettlauf gegen den Tod. Mumia Abu-Jamal: ein schwarzer Revolutionär im weißen Amerika“, das aufgrund glücklicher Umstände gerade jetzt – im Oktober 2006 – erschien, wo es für den Ausgang des Verfahrens von Mumia Abu-Jamal noch positive Wirkungen haben kann. Eine Vorabveröffentlichung dieser Rezension erschien auf www.freedom-now.de, der Website des Internationalen Verteidigungskomitees, das sich vor allem der Unterstützung Mumia Abu-Jamals widmet.
Bedauerlicherweise sieht dessen Gründer Jürgen Heiser, der nicht nur deutscher Verleger Abu-Jamals, sondern 1989 auch einer der Initiatoren der Unterstützungsbewegung für Abu-Jamal war und seitdem einer der engagiertesten Aktivisten geblieben ist, offenbar kaum eine höhere Priorität, als mich und mein Buch zu diskreditieren, denn der ellenlange Verriss desselben durch Eberhard Schultz Ende Mai war nicht der erste, der auf der erwähnten, in den ersten fünf Monaten des Jahres 2007 kaum aktiven Website erschien: Schon im Januar hatte Jürgen Heiser selbst dort bereits eine fast ebenso lange Philippika gegen mein Buch publiziert.
Ähnlich vorgegangen sind das US-amerikanische Partisan Defense Committee (PDC) um die trotzkistische Spartacist League und dessen deutsches Pendant, das Komitee für Soziale Verteidigung (KfSV). Statt die Gunst und das Gebot der Stunde zu nutzen, alle Kräfte für den Kampf um Gerechtigkeit für Mumia Abu-Jamal zusammenzuschließen, verwenden sie einen Großteil ihrer Energie darauf, Autoren wie Dave Lindorff (Verfasser eines weiteren Buchs über Abu-Jamal: Killing Time. An Investigation of the Death Row Case of Mumia Abu-Jamal) und mich als „liberale“ bzw. – in meinem Fall, obwohl diese einseitige Auszeichnung Dave Lindorff, der sich als „Althippie“ bezeichnet, beleidigen dürfte – „anarcho-liberale“ Wasserträger der Bourgeoisie zu entlarven, deren Propagierung eines neuen Verfahrens für Abu-Jamal die Unterstützungsbewegung mit bürgerlichem Gedankengut vergifte.
Interessant dabei ist, dass das PDC nicht nur Lindorff, sondern mir auch vorhält, wir seien zu feige, zuzugeben, dass der Polizeibeamte Daniel Faulkner in Wirklichkeit im Auftrag der Unterwelt und korrupter Polizisten von einem Auftragskiller namens Arnold Beverly getötet wurde, den das PDC-Mitglied und ehemalige Mitglied der Verteidigung Abu-Jamals Rachel Wolkenstein ausfindig gemacht haben will – während Jürgen Heiser mir in seinem Artikel „Der Kampf um Befreiung ist keine Sportveranstaltung“ (dessen Titel mit seiner Anspielung auf den Titel meines Buches bereits den gehässigen Ton des Texts vorwegnimmt) umgekehrt vorwirft, mich nicht energisch genug von Beverly zu distanzieren!
Das Entsetzliche an den Artikeln von Jürgen Heiser, Eberhardt Schulz und den diversen Autoren des PDC ist nicht, dass sie Kritik üben. Kritik kann berechtigt oder unberechtigt sein, ist aber, wenn solidarisch geübt, potentiell immer produktiv. Das Schreckliche und Zerstörerische an dieser „Kritik“ ist der hämische, hasserfüllte und vor Selbstgerechtigkeit triefende Ton.
Offenbar, und aus Gründen, die mir unbekannt sind und über die sie sich selbst Rechenschaft ablegen müssen, haben die Autoren vergessen, dass ihre Hauptaufgabe darin bestehen sollte, Argumente gegen die Feinde Abu-Jamals zu liefern, und nicht gegen andere seiner, ihrer Meinung nach vielleicht irregeleitete, Unterstützer.
Genau das – Argumente zur Sache zu liefern – habe ich im vorliegenden Artikel versucht zu tun und werde ich auch weiter tun.
Wenn ich mich hier nicht weiter zu den diversen Angriffen auf mich und mein Buch äußere, heißt das nicht, dass ich dazu nichts zu sagen habe. Es heißt nur, dass ich der Meinung bin, dass es im Augenblick wesentlich Wichtigeres zu sagen und zu tun gibt, und dass die, die hier anderer Meinung zu sein scheinen, sich auf das Eigentliche besinnen und politische Differenzen und vielleicht auch persönlichen Hader hintan stellen sollten, um zur heute zwingend gebotenen Tagesordnung überzugehen:
Dem gemeinsamen und solidarischen Kampf um das Leben und die Freiheit Mumia Abu-Jamals.
Wer an meiner Antwort an Eberhard Schultz (der es laut Auskunft Dritter deshalb nicht für nötig hält, mir auch nur zu antworten, weil ich mich seiner Kritik gegenüber nicht „einsichtig“ gezeigt habe), meinem Protestbrief an die Rote Hilfe gegen den Abdruck seines Artikel sowie an meinen Entgegnungen auf Jürgen Heisers Artikel und auf die Angriffe des PDC/KfSV interessiert ist, findet diese unter http://againstthecrimeofsilence.de/deutsch/mumia/deb/
Michael Schiffmann, 27. Juli 2007
Die Debatte um die beste Unterstützung für Mumia wird in der nächsten Rote Hilfe Zeitung weitergeführt

